SHG "Deine (Groß-)Eltern bei der Stasi?" DGESt

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vatermutter

wer ist dieser gerd

diese brigitte?

die brust

die mich nicht stillte

die hand

die mich nicht führte

2 unbekannte

die mir mein leben schenkten

es mir gaben

mir verabreichten

eine lieblos hingestellte speise

die satt macht aber nicht schmeckt

2 fremde

neben denen ich herwuchs

ohne verbindung

ohne halt

entfernt und unnahbar

vom ersten tag an

2 welten

in die ich nicht vordringen konnte

nicht vordringen durfte

in die ich nicht geholt wurde

die verschlossen blieb

KEIN ZUTRITT!

heute drehen sich

unsere planeten nebeneinander

und ich will nicht mehr fort

aus meiner selbst gebauten welt

die mir heimat und familie wurde

heute bleibe ich hier

und weiß euch dort weit weg

und es tut nur noch selten so weh

wie damals als kind

indes bleibt eine lücke

eine fehlstelle

kratertief

an einer stelle in meiner brust

die sich wohl nie mehr schließt

Sven, 13ter februar 2019

Wenn ich diese Erde wäre


Wenn ich diese Erde wäre,

löste auf ich Hass und Not,

würde geben allen Wesen,

Licht und Liebe, Trank und Brot.


Wenn ich diese Erde wäre,

kämpft´ ich gegen Angst und Pein,

dass kein Kind mehr traurig wäre,

niemals einsam, nie allein.


Wenn ich diese Erde wäre,

hätten alle Bäume Platz,

und wir alle könnten leben,

ohne Eile, Stress und Hatz.


Wenn ich diese Erde wäre,

gäb es Krieg nicht und Gewalt.

Alle Menschen würden friedlich,

miteinander glücklich alt.

 

geschrieben von Gerd am 10.03.09 in der Traumaklinik

hier erstmals veröffentlicht am 02.02.17

schlaflos


ich liege

am liebsten

rechtsseitig mit

fest angewinkelten beinen

die knie bis fast zur

brust gezogen

zusammengekauert

den kopf gebeugt

wie ein baby

  so klein wie möglich

  so lebendig wie nötig

  so leise wie gefordert

ein bündel leben

mit pochendem herzen

  unruhig&wild

  traurig&still

ein baby das

  nie schlafen kann

ein baby das

  nicht weiß ob es leben will

 

das baby mit der

unstillbaren sehnsucht

  nach der mutterbrust

  nach der vaterhand

bin ich heute noch

manchmal

 

immerwieder

von Sven geschrieben am 09.04.16

 

 

 

 


 

Mutter warum?

 

Ich kam auf die Welt an einen warmen Junitag,

als dein 3. Kind, ich jedoch kein Wunschkind war.

Als erstes Mädchen, nach zwei Jungen, war klar,

dass ich zum Glück dann bei dir willkommen war.

 

Viel später ich dann von dir erfuhr,

 du wolltest wieder zu deinem Exmanne nur.

Tabletten hast du deshalb eingenommen,

um mich aus deinem Bauche zu bekommen.

 

Du hast uns Kindern die Schuld gegeben,

dass ihr konntet nie glücklich miteinander leben.

Am liebsten hättest du uns alle gesteckt in ein Heim,

Mutter ich kann es nicht glauben, Nein, nein, nein.

 

Mutter, warum musstest du mich als junges Leben

in dies blöde Heim für ganze fünf Tage die Woche geben?

Ich war als so kleines Mädchen doch nicht in der Lage

zu verzichten auf eure Liebe Woche um Woche ganze vier Jahre.

 

Ach Mutter ich sehnte mich jeden Tag immer so sehr

nach Geborgenheit und Liebe. Aber dein Herz blieb eiskalt und leer.

 

Mutter ich begreif es nicht, andre hatten auch Kinder, so viele.

Sie arbeiteten schwer und hatten dennoch Zeit für Kinderspiele.

Auch um allabendlich ihren Kindern Gute Nacht zu sagen

und da zu sein, für ihre Sorgen und Ängste an allen Tagen.

 

Mutter, ach Mutter ich muss dich ernsthaft fragen,

warst du je glücklich ohne mich an den vielen Tagen?

Mutter ich frage immer wieder nur dich,

wo warst du nur, liebtest du mich denn nicht?

 

Nach Mutterliebe sehnte ich mich als kleines Kind

und auch noch als ich schon in die Schule ging.

An mütterliche Wärme und Nähe es mir fehlte,

aber nur das gehorsame Mädchen für dich zählte.

 

So kam was kommen musste für uns zwei.

Meine Gefühle wolltest du nicht sehen. Nun ist es vorbei.

Eine Bindung zwischen uns, die hat es nie gegeben!

So sehr ich auch danach suchte mein ganzes Leben.

 

 

Heute, da du mir nicht helfen wolltest in meiner Not,

diktiertest mir Schuldgefühle getreu deinem Gebot:

Deine Familie musste leben stets nur zum Schein,

So sollte es bis heute bleiben, nach außen ach so rein.

 

Jahrzehnte später ich erst mit dir reden konnte über die Tat.

warum dies alles mir geschehen ist, ich wollte nur deinen Rat.

Getreu deinem Motto: was nicht sein darf, dass nicht sein kann

Du hast mich verletzt und aus dein Leben geworfen sodann.

 

Du hast nichts verstanden! Ich wurde so sehr verletzt von dir.

Nach deinem Tod hast du noch mal so bitter getreten nach mir.

Die Tatsachen hast du verdreht, um wie immer dein Schein zu wahren.

Ich wollte reden. Du verweigertest dich. Du wolltest nichts offenbaren.

 

Tief gekränkt hast du mich, du wolltest einfach nicht verlieren.

Immer zähltest nur du und wolltest, dass wir Kinder funktionieren.

 Ich die Brave, habe mein Schweigen gebrochen und fühle mich frei.

 All die schmerzlichen Gedanken verstummt in einem stillen Schrei.

Mutter du wirst es nicht glauben. Aber all das ist nun endlich vorbei.

 

Denn ich bin glücklich und fühle mich Frei.

 

Manuela

Nov. 2013

Letzten zwei Strophen Jan. 2016


  

schlaflos 2

   

das ichkind liegt

tagenächtelang

im gitterbettchen

hellwach im innern

 

verwundet

an der körperseele

geschlagen

am seelenkörper

 

zu traurig

zum weinen

zu müde

zum schlafen

von Sven geschrieben

 

 

 

 


 

Gefühlskarussell

Das Jahr hat gerade begonnen. Die Zeit ist vorangeschritten und die Uhr zeigt schon halb Zehn. Ich sitze auf meinem Bett und starre aus dem Fenster. Ich registriere zwar die Sonne und den blauen Himmel, dennoch fühle ich mich müde, kraftlos und erschöpft. Mein Gefühlskarussell beginnt sich zu drehen und die Gedanken nehmen ihren Lauf.

Ich stelle fest, dass schon wieder ein Jahr vergangen ist und in mir steigt plötzlich wieder eine altbekannte Traurigkeit hoch. Der plötzliche Tod meines Vaters machte mich betroffen, aber zugleich auch wütend. Ohne Antworten auf meine vielen Fragen zu bekommen, verließ er mich schweigend und niemals wiederkehrend.

Meine Mutter wollte und will von allem, was mir wieder fahren ist, nichts wissen. Als ich ihre Hilfe am dringendsten benötigte, verstieß sie mich als Nestbeschmutzerin. Sie will weiter leben in der Scheinwelt „Heile Familie“. Dabei habe ich doch immer funktioniert und tat stets, was sie von mir erwartete. Immer aus Angst nicht geliebt zu werden.

Die Enttäuschung über die fehlende Unterstützung meiner Eltern verletzte mich tief in meiner Seele und es tat weh. Sie stimmten mich traurig. Dennoch bin ich froh, weil ich mich jetzt wirklich frei fühlen kann. Keine Fremdbestimmung meines Lebens, keine verletzenden Worte mehr durch sie und ich kann beginnen meine Träume endlich zu leben.

Ich versuche meine Gedanken zu ordnen und bemühe mich, positiv zu denken. Ich schaffe es einfach nicht, mich loszureißen aus der Grübelei. Ich frage mich, warum ich in diese Not geraten bin? Wieder fahr ich Achterbahn mit meinen Gefühlen. Immer wieder geht es rauf und runter. Ich kämpfe dagegen an und will meinen Blick nun endlich nach vorn richten.

Ich denke an die Worte, die mir jetzt mein Therapeut sagen würde und richte meine Gedanken auf das, was ich bisher schon geschafft habe. Auf meiner langen  Lebensreise lernte ich mich und mein gelebtes Leben neu zu begreifen. Schmerzlich und schwer war dieser Weg. Nun will ihn auch zu Ende gehen.

Die Gedanken halten mich noch immer gefangen und ich denke: Hör auf damit und lebe jetzt dein Leben!  Doch was ist mein Leben? Was bedeutet Glück für mich? Ich fange an, die eigenen Gefühle zu fühlen, sie zu begreifen und auch auszudrücken.

 Nie wieder möchte ich mich danach richten, wie andere über mich denken und was sie wollen. Nein! Ich nehme mir jetzt vor, nur noch das zu tun, was ich mir von Herzen wünsche. Endlich „Ich“ sein zu dürfen, das scheint mir jetzt wichtig. Nur so kann meine Seele Frieden finden.

Und ich schaue aus dem Fenster, sitzend noch immer auf meinem Bett. Plötzlich sehe ich den herrlich blauen Himmel und die Sonnenstrahlen kitzeln meine Seele wach. Endlich zieht es mich aus meinem Bett, hinaus in die Natur. Ich sehe den Reif auf den Bäumen, den gefrorenen Pfuhl und die weiß bedeckten Wiesen im Park. Ich atme die klare kalte Luft ganz tief in mich ein, spüre wie sie Leben in meinem Körper fließen lässt. Ich strecke alle Fühler nach der Sonne aus und empfinde endlich was ich suchte.

Zufriedenheit, innere Ruhe und ein Stückchen Glück.

 

Von Manuela überarbeitet  im Januar 2015 aus ihrer ursprünglichen Version


 

„Liebe Mama,

viele Jahre sind vergangen, in denen ich glaubte, du liebst mich, weil ich bin. Jetzt weiß ich, du liebst mich, weil ich war. Ich war ein Kind, das sich anpasste an deine Lebenswirklichkeit, nicht nachfragte und dich auch nicht kritisierte. Ich war eine Tochter, die ihrer Mutter jedes Wort glaubte, sie beschützen wollte und ihr zu ihrem Recht verhalf. Deine Wut habe ich lange nicht sehen wollen. Deine Wut auf alles, was anders ist als du, denn das kannst du nicht verstehen. Es gab Situationen, die mir hätten die Augen öffnen sollen. Deine unglaubliche Ignoranz und anschließende Depressionen, die mich oft nicht schlafen ließen. Deine offenen Wunden, die du an mir ausgelassen hast.

Du kannst mich nicht verstehen, weil ich erwachsen geworden bin und du noch das Kind bist, das in Abhängigkeit vom Elternhaus existiert. Deine eigene tyrannische Mutter lässt dich verzweifeln und du glaubst mit ihr mitleiden zu müssen, statt selbst zu leben. Dieses Lebensgefühl hast du lange Jahre auf mich übertragen mit der Konsequenz, dass ich Kinder vor Müttern wie dir bewahren möchte, ihnen helfen möchte, auf eigenen Beinen zu stehen. Deine übertriebene Fürsorge einerseits versteckt deine Missgunst ja vielleicht auch Neid auf mich andererseits. Eine Erkenntnis, die so sehr schmerzt, dass ich es manchmal nicht aushalte. Die Mutterliebe lässt sich eben durch nichts ersetzen. Du sagst, ich war ein Wunschkind und meinst, ich wollte dich haben. Ich bin aber! Ich bin ein eigener Mensch. Doch das hast du nicht verstanden und wirst es auch nicht mehr. Ich habe Deutsch studiert, um meine Muttersprache zu verstehen. Allerdings musste ich erst selbst Mutter werden, um zu begreifen, dass mir mein Kind nicht gehören kann, das ich sein Lebensgefühl nur im Gespräch erfassen und verstehen lerne und dass das genau der Punkt ist, was du nicht kannst – zuhören und verstehen. Das Lebensgefühl meiner ersten dreißig Jahre ist deshalb aufgezwungen und die Freiheit, nach der ich mich sehne, ist meine Freiheit, eigene Entscheidungen treffen zu können und Nein zu sagen, gehört nunmehr dazu. Ich brauche dich nicht mehr. Dennoch wäre es schön gewesen, eine Verbündete im Lebensgefühl gehabt zu haben. Das dies eine große Enttäuschung ist, damit werde ich leben lernen müssen. Das Gefühl dazu heißt Trauer. Trauer um die vielen Jahre, in denen ich mir etwas vorgemacht habe. Viele Jahre, in denen ich nicht frei war, weil ich glaubte, jemanden gehorchen zu müssen. Keinen eigenen Willen haben zu dürfen. Jetzt weiß ich, dass es ein Irrglaube war und doch fällt es mir schwer, Dinge hinzunehmen, Hierarchien einzuhalten und vor allem etwas nicht „zu hören“.“

 

Was haben die denn bei mir richtig gemacht? Der weiße Nebel legt sich nur zu gut über die Erinnerungen. Die Frage lautet daher wohl eher, was ist bei mir richtig, obwohl ich eine Kindheit in der Diktatur hatte?

geschrieben von Nova Reload (Synonym)


Alte Briefe                                                                          

da liegen unsere alten Briefe auf dem Bett

und riechen nach staubig altem Papier

haben dreißig Jahre im Karton geschlummert

sind den Flammen knapp entgangen

denen ich sie am Lagerfeuer übergeben wollte

weil sie so schmerzten und ich sie

aus Angst vor der Begegnung mit mir

nie wieder lesen wollte

Briefe aus einer wahnhaften Zeit

Briefe von Kindern der Staatssicherheit

in seelischer Not geschrieben

zerrissene Menschen waren die Autoren

die nichts hatten außer ihrer Liebe

um dem „Organ“ standzuhalten

um nicht zu zerbrechen an Trennung

Konspiration und Konditionierung

an der Lieblosigkeit einer Staatsmaschine

und deren betongrauen Vollstreckern

es war denkbar knapp

ich bin am Boden zerstört und weine nur noch

über mich wie ich damals war

aber ich muss mich begreifen

und weiterlesen und weiterdenken

über diese verbleichenden Worte auf fadenscheinigem Papier

geschrieben wie von lebendig begrabenen Liebenden

doch es gibt uns noch aber

wir sind nicht mehr die

die den Stift in den Briefen führten

wir sind älter als wir sein sollten

wir sind trauriger als wir sein sollten

es sollte so etwas wie das „Organ“ nicht geben

wir lernen

wieder zu lachen

aber schaffen wir zu lachen ohne zu weinen

wie Tucholsky sagt?

letzten Endes hat die Liebe gesiegt

wie im Märchen

es gibt kein happy end

wir haben Federn gelassen

versuchen mit nassem Gefieder

gerupft und klamm

trotzdem zu fliegen

zu lieben

zu sein

(Frieda 22.04.2018)