SHG "Deine (Groß-)Eltern bei der Stasi?" DGESt

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Worte unserer Gruppenmitglieder zum Thema "Was gibt mir die Gruppe:"

Manuela:

2011 hatte ich einen Zusammenbruch, den ich zunächst in meinem übertriebenen Arbeitseifer und dem nicht akzeptieren Könnens meinen ständig steigenden Arbeitsunfähigkeiten zuordnete. Ich begab mich schon über mehrere Jahre bis zu meinem Totalausfall 2011 auf eine Odyssee, um Hilfe gegen meine körperlichen Beschwerden zu bekommen. Ich durchlitt depressive Phasen bis hin zu totalen Erschöpfungszuständen und einem Zwangsverhalten, dass sich bei mir in einem übertriebenen und so weiß ich heute anerzogenen Arbeitseifer zeigte. Da meine chronischen Schmerzzustände nicht mehr therapierbar waren und sich nun auch extreme Müdigkeit, Schlafstörungen, Konzentrationsmangel, Wortfindungsstörungen und eine zunehmende Vergesslichkeit hinzukamen, sollte ich in eine Psychotherapie. Wozu? Ich wusste es nicht, denn ich hatte Schmerzen. Sollten die jetzt weggeredet werden?

Ich suchte mir einen Psychotherapeuten und begann auf sein Anraten eine tiefenpsychologische Behandlung, die über mehrere Jahre ging. Heute weiß ich, dass all meine Schmerzen und vielen Erkrankungen, die ich auch schon in meiner Kindheit hatte, mit meinem Aufwachsen in Kindheit und Jugend zu tun hatten. Ich begann langsam mein Leben zu reflektieren und kam zu der Erkenntnis, dass all die körperlichen Befindlichkeiten von meinem überangepassten Leben, also immer so sein zu müssen, wie mein Elternhaus es von mir erwartete, zu tun hatte.

Nun wusste ich zwar, dass ich eine Kindheit hatte, die eben nicht normal war, weil ich lernen musste, dass man in diesem System immer den festgelegten Normen zu entsprechen hatte.  Wenn man dann noch das Kind von befehlstreuen Staatsbediensteten oder Parteifunktionären war, war ein Ausbrechen aus diesen sehr strengen Regelwerken, die innerhalb dieser Familien galten, unmöglich.

Tat ich es doch oder wagte ich nur zu widersprechen oder unbequeme Fragen zu stellen, müsste ich mit harten Bestrafungen bis hin zum Rauswurf aus dem Familienverband rechnen. Allzu oft bekam mein Halbbruder zu hören: „Wenn das nicht bald aufhört, dass du immer wieder Ärger in der Schule machst oder sich die Hausbewohner über uns beschweren, dann kommst du in ein Heim.“ Dies ließ mich sehr schnell funktionieren und gehorsam werden und ich studierte die Körpersprache meiner Eltern, um mich ihren Wünschen entsprechend zu verhalten. Denn ich wollte nie wieder in einem Heim untergebracht werden.

Was jedoch sollte ich jetzt mit all dem Wissen, warum ich war wie ich war, anfangen? Meine Vergangenheit kann ich nicht mehr ändern und die Schuldgefühle und Ängste kann mir doch heute niemand mehr nehmen. Dies dachte ich und hatte über all diese und ähnliche Fragen nur einen einzigen Gesprächspartner, der mein Therapeut war. Ich sehnte mich nach einem Gedankenaustausch mit Betroffenen, mit denen ich über meine Gefühle reden kann.

Warum habe ich nie Liebe erfahren und konnte so auch keine Liebe geben wie andere dies konnten? Warum bekam ich eine Rolle übergestülpt, in der ich mich nicht wiederfand?

Fremdschämen, Unbehagen und Übelkeit begleiteten mich immer wieder, wenn ich mich mit den Machenschaften des MfS und der SED-Diktatur beschäftigte, im Wissen darum, dass meine Eltern direkt und indirekt für die Stasi tätig waren. Ich selbst wurde mit meiner Tätigkeit als Zivilbeschäftigte der Kriminalpolizei ebenfalls indirekt zum Handlanger der SED und weil ich auch noch aus Überzeugung der Partei blind vertraute und nie Fragen stellte, fühle ich heute noch eine tiefe Scham über meine Blindheit.

Ich entschloss mich, ab November 2013 nach Stasikindern zu suchen, weil ich glaube, dass ich mit ihnen die Gespräche führen kann, die mein früheres persönliches Umfeld nicht mit mir führen wollte. So gründete ich unsere Gruppe, weil es bis dahin noch keine derartige Selbsthilfegruppe bundesweit gab.

Es dauerte noch einige Zeit bis sich die ersten Interessierten meldeten und wir unser erstes Treffen im Mai 2015 durchführten. Wir waren bis dahin vier Mitglieder und hielten per Mail Kontakt. Es war ein tolles Gefühl, als wir uns das erste Mal gegenübersaßen.

Ich spürte nicht nur die eigene Anspannung, sondern genau auch die der anderen. Wir erzählten uns gegenseitig, was uns zur Gruppe geführt hat und stellten fest, dass wir alle trotz der sehr unterschiedlichen Wege zwischen Anpassung und Rebellion, ähnliche Gefühle und Empfindungen hatten. Jeder von uns musste im Familienverband ähnliche Regeln befolgen und viele lebten sehr ausgegrenzt in der Schule und im Wohngebiet.

Massiver Mangel an Liebe und Nähe der Eltern sowie ständiges Reglementieren und Leistungsdruck beherrschten meine Kindheit und so gruben sich - ohne es bewusst wahrzunehmen - tiefe Wunden in mein Herz, die bis heute wirken. Heute versuche ich all diese Kälte und den Mangel an Zuwendung nicht an meine Tochter weiterzugeben, damit sie es schafft diesen Teufelskreis zu durchbrechen.

Gerd:

Was mir diese Gruppe bringt, lässt sich gar nicht so leicht sagen. Fest steht, dass ich vor zwei Jahren nicht daran geglaubt hätte, dass ich mich heute in einer Selbsthilfegruppe für Stasikinder engagiere. Ich habe fast drei Jahre in politischer Haft in der DDR verbracht, bin im April 89 freigekauft worden und wollte danach nichts mehr mit der Zone oder dem Osten zu tun haben. Ursprünglich hatte ich gedacht, dass ich aus der Bundesrepublik ganz schnell nach Australien oder Kanada auswandern sollte. Alles was nach Westen klang konnte nur gut sein.

Jahrelang hatte ich alle Traumatisierungen verdrängt. 2006 trennte ich mich von meiner Exfrau, und dann kamen die Traumata wieder durch.

Zweimal für je 12 – 15 Wochen vollstationäre Traumatherapie stabilisierten mich wieder. An eine wirkliche Aufarbeitung war noch lange nicht zu denken.

Meine ehemalige Lebensgefährtin, die ich 2007 kennenlernte, hat mich aus heutiger Sicht benutzt, aber ohne sie wäre ich vielleicht heute nicht da, wo ich jetzt bin. Ich habe eine Partnerin an deren Seite ich gegen das Vergessen und Verklären der SED-Diktatur arbeiten kann.

Seit September 2014 bin ich einmal wöchentlich in der ambulanten Traumatherapie und sie begleitet mich auch dorthin. Jetzt kann ich mit der Traumakonfrontation beginnen, die oft sehr schwer ist.

Die Gruppe lässt mich hinter die Kulissen der Stasi blicken, lässt mich andere Sichtweisen betrachten. Hier habe ich wirklich das Gefühl, dass ehrlich und tatsächlich aufgearbeitet wird. Ich kann keinen Menschen dafür verantwortlich machen, was seine Familienangehörigen taten oder unterließen, aber wir können in konstruktiven Gesprächen alle Seiten der „Medaille“ betrachten. In der Zwischenzeit habe ich hier in der Gruppe sogar neue Freunde kennengelernt und ich bin froh, dass es diese Gruppe gibt.

Nach den Treffen stehen wir oft, wenn es das Wetter zulässt, noch draußen und reden weiter. Irgendwann trennen sich unsere Wege bis wir uns beim nächsten Treffen wiedersehen. Ich freue mich jetzt schon auf das nächste Treffen im September 2016.

Susanne:

Diese Gruppe ist eine totale Bereicherung für mich! Umso erstaunlicher, weil ich in frühster Kindheit darauf geprägt wurde, äußerst misstrauisch, argwöhnisch und ständig auf der Hut zu sein, mich könnte jemand aushorchen. Diese Prägung erfolgte in frühster Kindheit und ist bis heute präsent. Sie trägt dazu bei, isoliert und einsam durchs Leben zu gehen. Nur sehr wenige Menschen könnten das überhaupt nachvollziehen und verstehen können es nur diejenigen, die es selbst erlebt haben.

Hier traf ich solche Menschen. Sie waren mir vollkommen fremd, hatten alle unterschiedliche Erfahrungen und Biographien und waren mir doch sehr schnell vertraut. Uns vereint das gemeinsame Schicksal - ein sehr bewegendes und befreiendes Gefühl! Es ist immer heilsam Euch zu treffen. Ein großes Dankeschön dafür, dass es euch gibt, dass ihr mich so herzlich aufgenommen habt und mein Leben durch Euch so viel einfacher wurde!

im März 2017, nach unserem Gruppentreffen


Hier gibt es einen kleinen Einblick in`s Gruppenleben:

Die immer mal wieder auftretenden, ja manchmal auch zeitraubenden Vorstellungsrunden gibt es nicht mehr.

Anfangs der Gruppenstunde machen wir eine kurze Blitzlichtrunde. Hier hat jede/jeder die Möglichkeit innerhalb von 60 Sekunden zu erzählen, wie es ihr/ihm geht und ob sie/er etwas AKUTES in die Stunde einbringen möchte.

Wir haben eine Themenliste, aus der wir zurzeit aus dem Vollen schöpfen können. Damit das so bleibt, bitten wir immer wieder um neue Vorschläge, also Fragen die uns bewegen; Persönliches, was jemanden gerade belastet oder auch erfreut. Alle Vorschläge werden in die Themenliste aufgenommen, es sei denn die Gruppe beschließt, dass darüber sofort gesprochen werden soll.

Wir haben eine neue Rubrik geschaffen, die da heißt: "Etwas mee(h)r von mir".

Die langen Vorstellungsrunden haben uns gezeigt, dass der Redebedarf jedes einzelnen Mitglieds sehr hoch ist. Um diesem ab sofort (seit Januar 2018) einen Raum zu geben, wurde diese neue Rubrik eingeführt. Hier kann jede/jeder von sich soviel erzählen wie sie/er möchte. Wenn jede/jeder die/der möchte, davon Gebrauch gemacht hat, obliegt es nur noch den neuen Mitgliedern, diese Möglichkeit zu nutzen. Niemand muss, aber jede/jeder kann. Aber keiner kann zweimal, es sei denn es gibt Gründe, die etwas anderes erforderlich machen. Eventuell kann sich jemand auch in die Themenliste mit bestimmten Fragen eintragen lassen.

In den letzten zehn Minuten einer Gruppenstunde besprechen wir, was beim nächsten Mal Thema sein soll.

Alles was in der Gruppe besprochen wurde, bleibt in der Gruppe.

Alle folgenden Beiträge auf dieser Seite sind nach Datum sortiert.

Gruppenstunde am 15.03.2019

Ausdruck für das Unterschwellige

Seit einigen Monaten bin ich in der Selbsthilfegruppe für Stasi-Kinder. Mein Vater war hauptamtlicher Mitarbeiter beim Ministerium für Staatssicherheit der DDR. Dieses Thema beschäftigt mich seit etwa fünf Jahren, seit dem Zeitpunkt, als mir dies erst selbst bewusst wurde. Als Künstlerin, Bloggerin und Impulsgeberin sind meine ostdeutsche Herkunft und meine Erfahrungen als Stasi-Kind auch Teil meiner öffentlichen Sichtbarkeit. Ich spreche über diese Erfahrungen und zeige, wie ich mich mit diesen Prägungen auseinandersetze.

Im März 2019 hatte ich die Gelegenheit, von meinem Weg, den ich bisher gegangen bin, nicht nur zu erzählen, sondern auch einzelne Phasen und Erkenntnisse anhand eigener Arbeiten darzustellen. Hierfür hatte ich zum Beispiel meine Patchwork-Decke mitgenommen, die ich für eine Installation in einem ehemaligen Frauengefängnis mit den Worten „Opfer, Täter und Täter, Opfer“ bestickt und beschrieben hatte. Mit dabei war auch das Kissen mit der Aufforderung: „Steh auf!“ Denn Veränderungen beginnen bei uns selbst.

Größtenteils verwende ich in meinen Werken vorhandene Materialien und Erinnerungsstücke. In einer kleinen Übung haben wir eine unangenehme oder gar schmerzvolle Erinnerung symbolisch anhand einer Fotografie zerstört, um dann daraus wieder etwas Neues entstehen zu lassen, selbst zu gestalten. Ich freue mich, dass sich alle auf dieses Experiment eingelassen haben und dem kreativen Prozess gefolgt sind. Der eigenen Intuition zu vertrauen, kann auch eine Herausforderung sein. Wie ich mich dem Weg anvertraut habe, konnte ich auch an früheren Arbeiten mit alten Fotografien aus meinem Leben zeigen; zum Beispiel in den beiden Collagen „Neuordnung auf Gold“.

Meine künstlerische Auseinandersetzung findet oft ihren Ursprung in Wahrnehmungen und Fragen, die sich mir auf unterschiedlichen Wegen zeigen. In Bildern können Emotionen ihren Ausdruck finden, ohne dass schon Worte da sein müssen. Diese ergeben sich für mich während des kreativen Prozesses und im persönlichen Austausch.

Ich schätze die Gespräche in der Gruppe sehr, denn hier wissen die anderen, wovon ich rede und ich finde in ihren Erzählungen Worte für eigene Erfahrungen und Beobachtungen. Gleichzeitig zeigen sich so unterschiedliche Geschichten, die meine eigenen Sichtweisen bereichern.

  

Doreen


Doreen Trittel ist Künstlerin, Bloggerin und Impulsgeberin. In Collagen, Fotografien und Installationen setzt sie sich mit Erinnerungen und Veränderung auseinander. Ein Schwerpunkt bilden dabei ihre ostdeutsche Herkunft und ihre Erfahrungen als Stasi-Kind

hehocra: Atelier für Erinnerung & Veränderung | www.hehocra.de


Besuch in der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen

Wir möchten nicht nur Antworten auf Fragen, die uns direkt bewegen, weil sie mit unserem Aufwachsen in den „Stasifamilien“ zu tun haben, sondern wir fragen auch, wie es Andersdenkenden in der DDR erging. Darum haben mehrere Mitglieder unserer Selbsthilfegruppe sich am 22.09.18 in der Gedenkstätte Berlin – Hohenschönhausen verabredet, um mit dem Zeitzeugen Mario Röllig eine Führung an dem Ort zu machen, an dem so viele Menschen zerbrochen wurden.

Gleich zu Beginn sahen wir einen Film, der uns die Geschichte der ehemaligen zentralen Untersuchungshaftanstalt des MfS näherbrachte. Es war schlimm, mit anzusehen, wie Menschen hierherkamen und aus welchen Gründen sie hier eingesperrt wurden. Die schrecklichen Haftbedingungen von Zeitzeugen erklärt zu bekommen, trieb mehreren Gruppenmitgliedern die Tränen und auch die Scham ins Gesicht. Für einige von uns, war es das erste Mal im Leben, an so einem Ort zu sein. Viel von dem Gehörten machte sie einfach sprachlos. Niemand aus unserer Gruppe hat jemals hier gearbeitet und dennoch übermannten manche von uns die Gefühle.

Dann kam unser Besucherreferent, Mario Röllig, zu uns. Er stellte sich kurz vor und begann eine Führung, in der wir viel sahen und hörten.

Anfänglich, also in den späten 40er Jahren und den ersten 50er Jahren geschah dies vor allem physisch. Also mit körperlicher Gewalt und Schlafentzug. Steh- und Wasserzellen gehörten ebenso dazu.

Mit Gründung der Stasi übernahm diese auch dieses Gefängnis.

Die Verhörmethoden wurden „ausgefeilter“. Die Vernehmer, die hier ihr zerstörerisches Werk leisteten, hatten zuvor an der „Stasi-Uni“ in Potsdam-Golm Operative Psychologie studiert.

Die ab diesem Zeitpunkt hier eingesperrten Häftlinge wurden mit Desorientierung und Desillusionierung psychisch zerstört. Die Häftlinge hatten untereinander keinen Kontakt und nach außen gab es auch keinerlei Kontaktmöglichkeit. Presse oder Fernsehen gab es nicht. Briefkontakte existierten nicht. Die Häftlinge wussten nicht wo sie waren und wie lange sie hier sein werden, wo auch immer Hier war.

Am Ende der Führung hat Gerd seinem Freund Mario Röllig erklärt, wer wir alle sind. Kinder von Mitarbeitern der Stasi und auch das manche von uns selbst zu Stasimitarbeitern wurden. Für Mario Röllig war das kein Problem, denn er findet Aufarbeitung eben auch gut und richtig, genau wie wir. Ein sehr emotionaler Moment entstand kurz vor dem Abschlussfoto. Anna und Kerstin entschuldigten sich bei Mario Röllig für das, was ihm angetan wurde. Er nahm die Entschuldigung an und es begann eine herzliche Umarmung, besonders zwischen den beiden und Mario.

 

Am 15.06.18 war der Bundesbeauftragte für die Unterlagen des MfS, Dr. hc. Roland Jahn in unserer Gruppe zu Gast. Im Anschluss an die Gesprächsrunde mit Herrn Jahn wurden wir von dem Mitarbeiter der BStU Herrn Schiller durch das Archiv geführt. Mit viel Geduld ging auch er auf unsere Fragen ein.

Es war ein sehr gelungener Gruppenabend, an der fast alle Gruppenmitglieder teilnahmen.

Roland Jahn nahm sich die Zeit und beantwortete all unsere Fragen sehr umfassend und ausführlich. Bedingt durch das Schweigen unserer Eltern haben wir einige Fragen an ihn gestellt. Am Ende waren wir um viele Antworten und sogar auch einigen guten Hinweisen deutlich klüger als zuvor.

Einige unserer Gruppenmitglieder haben ihre ganz persönlichen Probleme und Fragen gleich in Schriftform mitgebracht und Herr Jahn nahm diese mit, um sie gemeinsam mit seinen MitarbeiterInnen zu besprechen und zu beantworten.

Vielen Dank auch an dieser Stelle nochmal an ihn und an sein Team. Wir freuen uns, dass wir künftig mit ihm und seinem Team zusammen, noch mehr aufarbeiten können.

 

Roland Jahn bei uns


Am 21.09.17 war Ruth Hoffmann (Buchautorin und Journalistin) bei uns zu Gast. Ohne ihr Buch: "Stasikinder - Aufwachsen im Überwachungsstaat" gäbe es unsere Gruppe nicht.

Unser Gruppentreffen mit Ruth Hoffmann 

Endlich! Es hat geklappt und wir konnten Ruth Hoffmann, deren Buch „Stasikinder – Aufwachsen im Überwachungsstaat“ fast alle Gruppenmitglieder gelesen und vor allem als „ganz nah dran“ empfunden haben, in unserer Gruppe aufs Herzlichste begrüßen. Auch diesmal waren alle Mitglieder dabei, was uns und sicher auch Ruth besonders freute.

Um sofort in den Austausch treten zu können, hatten wir uns kurz gegenseitig vorgestellt und Ruth bekam für ihre Recherchen und das Buch von allen ein positives Feedback, worüber sie sich riesig freute. Besonders berührte sie das Lob eines Mitgliedes unserer Gruppe, der dieses Buch von beiden Seiten, also die eines Stasikindes und später eines Hauptamtlicher Mitarbeiters, betrachten konnte. Er meinte, dass er allein beim Lesen des Vorwortes bereits sagen konnte, dass sie mit ihren Worten genau den Kern getroffen hat und er sich fragte, wie dies eine Hamburger Journalistin, die im Westen sozialisiert so gut recherchieren konnte und dies hier im Ostteil Deutschlands bisher niemand annähernd das Leben der Stasifamilien so treffend erklären, beschreiben und begreifen konnte.

Ich denke, dass dies wirklich ein besonderes Lob für Ruths Arbeit war, worauf sie wirklich auch stolz sein kann. Viele von uns lasen es, erkannten deutliche Parallelen zum eigenen Leben, begannen selbst nachzuforschen und einige kontaktierten Ruth mit vielen Fragen. Manche fragten nach Kontaktmöglichkeiten zu ihren Protagonisten oder ob es eventuelle Treffen gibt. Dies verneinte sie immer mit „Nein eine Selbsthilfegruppe oder ähnliches gibt es (noch!) nicht. Dies war der Anfang, selbst eine solche Gruppe zu gründen.

Dieses Lob „ganz nah dran“ zu sein, bezog sich zum einen auf das Leben in einer Stasifamilie mit all ihren Facetten des Nichtbeachtetwerdens als Kinder, weil die Loyalität zum Staat und ihrem Sicherheitsapparat absolute Priorität für die ganze Familie hatte, dem sich alle Mitglieder der Familie und deren Freunde unterzuordnen hatten. Zum anderen beschrieb sie sehr gut den daraus wachsenden Druck auf die Kinder und ihrem ständigen Kampf um Anerkennung und Liebe, um die die meisten Kinder bis heute noch ringen. Der Druck unter dem diese Familien standen, war enorm und so wurde die Angst der Eltern an uns Kinder weitergegeben.

Wenn wir mit unseren Eltern versuchten zu reden, trafen wir auf Unverständnis und wurden der Undankbarkeit bezichtigt. Schuldgefühle wurden auf uns übertragen, wir hätten doch alles gehabt, vermissten kein Spielzeug und in den Urlaub waren wir auch immer gereist, wovon viele andere Kinder nicht einmal zu träumen wagten. Sie können uns gar nicht verstehen, weil für sie Gefühle einfach nicht existent waren und sind. Sie sind wegkonditioniert worden, weil sie sich diese einfach nicht leisten konnten. Für die Stasi waren emotionslose Menschen am geeignetsten.

Auch sprachen wir darüber, dass dieses Erleben unserer Kindheit in diesem System und dass das nicht darüber reden wollen mit den Eltern, keine Besonderheit ist.

Auch die Kriegskinder, der ja unsere Eltern angehören, sind nebenher aufgewachsen, durften keine Gefühle zeigen und lebten in ständiger Angst. Erst heute nach 70 Jahren beginnen einige Kriegskinder über ihre Kindheit zu reden.

Auf die Frage, weshalb unsere Eltern nicht reden, kam erstmals eine für mich völlige neue Sichtweise zur Sprache. Ein Mitglied meinte, dass unsere Eltern als Mitarbeiter für bzw. beim Staatssicherheitsdienst der DDR einem enormen Druck durch die ständige Überwachung der eigenen Mitarbeiter ausgesetzt waren und gleichzeitig ständig darauf bedacht sein mussten, dass bei dem kleinsten Ausbruch eines Familienmitgliedes, die gesamte Familie in Gefahr gebracht werden konnte.

Für die Bevölkerung jedoch galten die Stasifamilien als privilegiert und ihre Kinder wurden allein dadurch oft ausgegrenzt, ohne dass wir Stasikinder dies verstehen konnten. Ein anderes Mitglied warf dazu noch ein, dass er ebenfalls sehr unter dem Mangel an Liebe und Nähe der Eltern litt. Als er irgendwann später mal bei einer Familie zu Besuch war, glaubte er erst, sie würden sich alle nur für ihn verstellen und besonders liebevoll miteinander umgehen. Doch dann bemerkte er, dass dies nicht so war. Es war eine wirkliche Familie die sehr liebevoll miteinander umging. Dies wiederum war für ihn schwer auszuhalten, weil er so etwas nie kennengelernt hatte. Diese Erfahrung machten auch noch weitere Mitglieder unserer Gruppe.

Neben dem ständigen Druck, die eigene Familie stets auf Linie zu halten, um in keinster Weise für die Staatssicherheit auffällig zu werden, hatten unsere Eltern diesen Druck an uns weitergegeben. Wir mussten funktionieren, um ihre berufliche Existenz und damit auch letztlich die eigene nicht zu gefährden.

Zum einen waren unsere Eltern als Mitarbeiter immer um Loyalität gegenüber der Parteipolitik und dem Staatssicherheitsdienst bedacht, auch weil sie als frühere Kriegskinder an eine bessere friedliche Gesellschaft glaubten und durch die gezielte Zuwendung durch die Stasi, sich endlich in ihrer Gefühlswelt aufgefangen fühlten. Die Stasi kümmerte sich um ihre Sorgen, hörte ihnen zu und gab Zuwendung. So erschlich sie sich den Zugang zu unseren Eltern als ihr Familienersatz, weil auch sie das gleiche Problem mit den eigenen Eltern, unseren Großeltern hatten. Denn auch sie bekamen keine Liebe, keine Zuwendung und auch sie hatten zu funktionieren und dies ließ auch sie ohne Emotionen in die neue Gesellschaft treten. Auch sie werfen ihren Eltern Gefühlskälte, Lieblosigkeit und Alleingelassen zu sein, vor. Wie sollten dann unsere Eltern uns gegenüber Gefühle zeigen oder gar darüber reden können?

Stets mit der Angst leben zu müssen, dass ein Familienmitglied in den Focus der Stasi geraten könnte, verstärkte den enormen Druck auf sie. So lernten sie schnell, Gefühle wie Angst wegzudrücken, um nicht selbst daran zu ersticken. Emotionen und Gefühle hatten da keinen Platz und wurden regelrecht wegkonditioniert.

Die meisten Versuche mit den Eltern heute darüber rückblickend zu reden, scheiterten vor allem deshalb, weil sie gar nicht mehr verstehen können, wovon wir sprechen. Sie verstehen uns einfach nicht, weil für sie eine Welt, die für sie völlig richtig und in Ordnung war, zusammengebrochen ist.

Wir sind die erste Generation, die mit diesem Dogma des Schweigens zu brechen begonnen haben. Eben auch, weil wir uns in unserer Gruppe austauschen, Zusammenhänge erkennen und darüber offen diskutieren können.

Wir sind der Meinung, dass das Thema Stasi längst nicht aufgeklärt ist und auch das Wissen über das wirkliche Leben in unseren Familien muss offen ausgesprochen werden können, um vielleicht auch eine gewisse Aussöhnung durch das Miteinanderreden zu erreichen. Die Staatssicherheit ist unverschämt tief bis in die kleinste Zelle der Gesellschaft, die Familie, eingedrungen und hat ganze Familienverbände auf ewig zerstört. Wir, die Kinder unserer Stasieltern empfinden trotz allem Gefühle für unsere Eltern, wir verteufeln sie nicht, wir wollen nur verstehen, was mit uns passierte und warum. Wir sind nicht verantwortlich für das was sie taten, sondern nur für das was wir selbst getan oder auch nicht getan haben.

Wir wollen unsere Gefühlswelt ordnen und in den Griff bekommen, wir müssen unsere Vergangenheit nicht verstecken. Verantwortungsbewusst möchten wir zu dem was uns ausmacht, stehen können und wir möchten unsere Eltern mitnehmen auf unsere Reise zur Erkenntnis und der Versöhnung.

Manuela Keilholz

Meldungen von Gruppenmitgliedern zum Treffen mit Ruth und von Ruth selbst:

Astrid

„Es war wieder sehr anregend und intensiv in der Gruppenrunde, manchmal kann ich danach dann einfach nicht auf normale lockere Unterhaltung umschwenken, das wird aber sicher noch.

Leider kann ich auch noch nicht in drei knappen Sätzen sagen, was mir die Gruppe bringt, es ist einfach zu vielschichtig und stößt zu viel an. Aber ich bleibe auf jeden Fall dabei, auch wenn ich jetzt noch nicht weiß, wohin die Reise geht. Der Austausch ist einfach sehr hilfreich, zugleich auch immer sehr aufwühlend, ich brauche dann immer etwas Zeit, um wieder runter zu kommen.“

Anna

„Die letzte Gruppenstunde war sehr aufschlussreich. Die Beweggründe Ruths für das Buch waren interessant, ebenso die Auswirkungen des Buches auf die Mitglieder der Gruppe. Sie hat etwas Wichtiges geschaffen mit dem Buch. Menschen haben sich in den Protagonisten wiedergefunden und begonnen, sich mit ihrer Vergangenheit aktiv zu befassen. In einem Punkt scheine ich etwas von vielen Gruppenmitgliedern abzuweichen. Mein Focus liegt mehr im Versuch, die psychologischen Grundlagen der Täterschaft und der Opferrolle zu ergründen. Das gestrige Wahlergebnis bestätigt die Aktualität der Problematik auf eine mich nicht überraschende Art und Weise. Ich werde weiterhin versuchen, aus der Spezifik meiner Biografie, diesem einzigartigen Blickwinkel auf die Geschichte aus der Position des Kindes und des späteren Täters, Erkenntnisse für ganz aktuelle und eventuell allgemeingültigere gesellschaftliche Entwicklungen zu gewinnen. Das hat viel mit Emotionen und deren Abspaltung durch Erlebnisse und Traumata in der Kindheit zu tun.“

Ruth Hoffmann:

Liebe Stasikinder,

nachdem ich euch am 21. September nun endlich einmal kennen lernen durfte, habe ich gar keine Sorge mehr, dass jemand von euch diese Anrede irgendwie falsch verstehen könnte. Ich habe euch trotz der Verschiedenheit eurer Hintergründe und Geschichten alle als so bewusst und – jawohl! – STARK empfunden. Trotz des Schmerzes, mit dem ihr euch natürlich immer noch herumschlagen müsst, geht ihr so mutig und offensiv auf die Dinge zu, das finde ich wirklich von Herzen bewundernswert und großartig! 

Danke für euren so lieben Empfang, euer Vertrauen, eure Offenheit! Und natürlich auch für das tolle Schoki-und-Wein-Paket und die schöne Orchidee. Die steht übrigens jetzt bei uns im Badezimmer und erinnert mich jeden Morgen gleich als erstes an euch und die Begegnung nahe dem einstigen Mielke-Reich… 

  

Ich werde versuchen, im nächsten Jahr mal wieder dazuzukommen, wenn ihr euch trefft. Würde mich freuen, euch alle wiederzusehen! 

Bleibt weiter dran und lasst euch nicht beirren – ihr macht eine schwere, große Arbeit, die bei weitem nicht nur für euch wichtig ist, sondern für UNS ALLE! Danke, dass ihr so mutig seid!

 

Ganz herzlich grüßt euch 

Ruth 

Wir trauern um Herrn Professor Freyberger (links). Warum nur sterben die guten immer viel zu früh? Was er für die Menschen, die in seiner Behandlung waren, getan hat, ist unschätzbar wertvoll. Als er in unserer Gruppenstunde war, hatten wir sofort das Gefühl, verstanden zu werden und bekamen auch Antworten. Den Hinterbliebenen wünschen wir ganz viel Kraft und Mut für alles was vor Ihnen liegt.

Nähere Informationen finden Sie hier.

 

v.l.n.r. Professor Freyberger, Manuela Keilholz (Gründerin unserer Gruppe), Frau Schmidt und Herr Scherdin-Wendlandt.

Am 16.03.2017 hatten wir eine ganz besondere Gruppenstunde. Frau Schmidt, deren Studie auf unsere Seite auch zu finden ist und Herr Professor Freyberger sowie Herr Scherdin-Wendlandt, der so lieb war, sich aus psychologischer Sicht dem Aufbau unserer Gruppe zu helfen, waren unsere Gäste. Gern wäre auch Ruth Hoffmann in unserer Runde gewesen, aber ein bisschen Privatzeit und Urlaub sei ihr und ihrer Familie gern gewünscht und gegönnt. Riesig gefreut haben wir uns über ihre liebe Karte, deren Inhalt auch verlesen wurde und die Original Hamburger Heidesandkekse. Bis auf ein Gruppenmitglied waren alle anwesend und wir konnten sogar noch ein neues Mitglied in unserer Runde begrüßen. So waren wir eine große Runde mit ganz viel interessanten Fragen an unsere Gäste.

Einleitend sagten Frau Schmidt und Herr Professor Freyberger ein paar Worte zu sich selbst und Herr Professor Freyberger fragte, ob wir einen Text, der sich mit den Inhalten unserer Gruppenarbeit beschäftigt, hätten. Dies mussten wir erst einmal verneinen, was sich bald ändern wird. Auch weil er uns anbot, einen entsprechenden Artikel in einer Fachzeitung, welche er mit herausgibt, einzubinden, um so noch mehr seiner Berufskollegen auf das Bestehen unserer Gruppe hinzuweisen und zeitgleich seine Kollegen für das Thema Traumatisierungen von Stasikindern zu sensibilisieren. Auch er kann es nicht verstehen, dass 27 Jahre nach der Wiedervereinigung es immer noch viel zu wenige Therapeuten gibt, die mit diesem Thema etwas anfangen können.  Gleichzeitig empfahl er uns die Deutsche Gesellschaft für Psychotraumatologie.

Viele von uns sind der Meinung, dass Täter bis zum heutigen Tage eine weit höhere Lebenserwartung haben, als ihre Opfer. Von Herrn Professor Freyberger erfuhren wir jedoch, dass statistisch gesehen, alle Täter eine kürzere Lebenserwartung haben. Was vor allem daran liegt, dass sie den Stressoren dissozial sein zu müssen, also kein Gewissen zu haben und sich ihre Wahrheit zu rechtbiegen und / oder zu recht lügen zu müssen. Er gab uns auch allen den Hinweis, dass wir unserem Bauchgefühl und uns selbst in unserer Wahrnehmung vertrauen dürfen. Bei Frauen spricht man umgangssprachlich auch vom Bauchgefühl. Sehr stark traumatisierte Menschen können eventuell auch nicht erfolgreich behandelt werden, da ein Drittel aller Menschen mit Traumastörungen dauerhaft krank bleiben.

Frau Schmidt ergänzte noch, dass die meisten von uns in frühester Kindheit schon gelernt haben, Fremden nicht zu trauen.

Einige Gruppenmitglieder fragten, warum dies so sei. Denn von ihren Eltern bekommen sie bis heute keine ehrlichen Antworten. Wir erfuhren, dass es im Rahmen dieser Studie sehr häufig zum Ausdruck kam, dass die Kinder überall, wo sie nach der beruflichen Tätigkeit ihrer Eltern gefragt wurden, lügen mussten, da sie nicht erzählen durften, dass ihre Eltern beim MfS tätig waren. Den Kindern selbst wurde von den Eltern erzählt: „Wenn dich jemand nach meinem Beruf fragt, erzählst du, dass ich beim MdI arbeite“. Wenn dann noch gefragt wurde, was die Eltern dort machen, mussten die Kinder sagen, dass sie das nicht wissen. So wurden diese Kinder schon pauschal in eine Ecke gestellt, mit denen man entweder seine Freizeit teilte oder diese strikt mied. Die Kinder durften ihre Eltern aber nicht anlügen. Das ist so schizophren, dass es die Kinder völlig verstörte. 

Ein Gruppenmitglied hielt die ganze Zeit einen Tennisball in der Hand und von Professor Freyberger angesprochen, antwortete es, dass dieser Ball ihm hilft, sich selbst zu beruhigen. Herr Professor Freyberger griff diese Aussage auf und erklärte uns allen, was Skills sind. Ein anderes Gruppenmitglied bot allen an, Imaginationsübungen auf eine CD zu brennen und jeweils eine an jedes interessierte Mitglied zu verteilen. Dieses Angebot wurde von allen dankend angenommen.

Herr Professor Freyberger sagte uns, dass es wichtig für jeden von uns ist, Scham und Schuld zu überwinden, in dem wir alle uns aktiv mit unserem Leben auseinandersetzen. Gleichzeitig erwähnte er, dass alle Menschen mit einer schwierigen Kindheit später als Erwachsene eine besonders hohe Sensibilität für Unstimmigkeit im Alltag und in den zwischenmenschlichen Beziehungen erworben haben. Leider hilft diese Sensibilität nicht in den eigenen Beziehungen. Diese Sensibilität ist in seinen Augen eine große Stärke und keine Schwäche, wie viele von uns denken.

Uns alle eint das Unverständnis, dass solange Zeit nach der friedlichen Revolution im Jahr 1989 unsere Eltern uns immer noch im Unklaren darüber lassen, was damals tatsächlich in der beruflichen Verantwortung von ihnen lag. Herr Professor Freyberger ergänzte noch, dass wir von "Schweinereien zweiter und dritter Klasse ausgehen sollten", denn sonst gäbe es keinen plausiblen Grund für das Schweigen bis heute. Offensichtlich ist den Tätern von damals das Schweigen wichtiger und sinnvoller als mit ihren Kindern zu sprechen.

Angesprochen wurde auch das Thema kalte Familien. Denn auch dies empfinden die meisten Stasikinder, wenn sie auf ihre Kindheit zurückblicken. Leider hat sich daran bis heute nichts oder nur sehr wenig geändert. Wenn ein Kind zwar im goldenen Käfig aber ohne Liebe, Wärme, Zuneigung, Zuwendung und Vertrauen groß wird, hat es im späteren Leben große Schwierigkeiten. Das geht soweit, dass manche sich heute fragen, warum Beziehungen immer wieder kaputtgehen, warum sie nicht lieben können, warum sie von der Gesellschaft für das Handeln ihrer Eltern bis heute bestraft und ausgegrenzt werden. Damit soll nicht das eigene Fehlverhalten relativiert werden. Ein Gruppenmitglied hat den Raum kurzzeitig verlassen, um sich selbst zu schützen, wie es nach der Gruppenstunde erzählte. So auf sich achten zu können, ist ein kleiner aber wichtiger Schritt.

Zum Abschluss dieses lebhaften Austausches bekamen Frau Schmidt und Professor Freyberger unser Dankeschön auch in Form von Blumensträußen und etwas Süßem für ihre Heimfahrt.

Manuela:

Ich finde, dass uns diese Märzveranstaltung mit unseren Gästen, Herrn Professor Freyberger, Frau Schmidt und Herrn Scherdin-Wendlandt viel gebracht hat. Mich persönlich beeindruckte es, mit welcher Offenheit sich hier jeder von uns Stasikindern in diesen Austausch eingebracht hat und über sein Erleben aus der eigenen Kindheit bis hin zur gegenwärtigen Wahrnehmung all dessen, was uns heute dadurch mitgegeben wurde, freimütig ohne SCHAM berichten konnte. Nach den Worten von Professor Freyberger ist dies doch ein sehr guter Anfang für den Umgang mit unserer Vergangenheit. Je mehr uns dies gelingt, offen und ohne Scham über unsere eigenen Wahrnehmungen und Gefühle damals und heute auszutauschen, desto besser werden wir gemeinsam lernen, unseren eigenen Gefühlen und vor allem uns selbst zu trauen.

In mir selbst hat der Austausch über unsere kalten Familien tiefe Emotionen ausgelöst, die mit den tiefen Verletzungen meiner Mutter einhergingen. Während andere Gruppenmitglieder über genau diese Kälte und Lieblosigkeit, die oft auch mit dem Nichtbeachtet werden als Kind einherging, berichteten, hielt ich es nicht mehr aus und verließ für kurze Zeit diesen Raum, um für mich allein sein zu können. Ich brauchte diese Zeit, um mich wieder sammeln zu können. Denn mich erdrückten mit einem Mal sehr heftig die vielen aufkommenden Erinnerungen an meine Mutter, die selbst nach ihrem Tod noch nachgetreten hat, weil ich es wagte, ihre heile Familie in Frage zu stellen. Hervorgerufen von einer tiefen Traurigkeit darüber, dass mich meine Eltern mit knapp zwei Jahren in ein Wochenkinderheim steckten, wo ich bis zu meinem Schuleintritt (mit 7 Jahren eingeschult) immer nur an den Wochenenden zu Hause sein durfte. Dadurch kannte ich meinen Platz in meiner Familie (ich hatte noch zwei ältere Halbbrüder und einen leiblichen Bruder) nicht und fühlte eine sehr merkwürdige Befremdlichkeit. Weil ich aber mit dem Schuleintritt endlich auch dazu gehören wollte, glaubte ich mir meinen Platz erkämpfen zu müssen. Ich hatte nur die eine Chance: Leistungen erbringen, um Anerkennung zu bekommen. Ich lernte sehr früh, sehr viel und verkroch mich in meine Schulbücher. Niemand bemerkte, wie sehr ich unter der dadurch aufkommenden Einsamkeit litt. Später arbeitete ich sehr sozialistisch, bekam für meine fachliche und aktive gesellschaftliche Arbeit ausreichende Anerkennung, die mich in einem krankhaften Zwangsverhalten „Arbeiten ohne Ende“ trieb, bis zu meinem totalen beruflichen Ausstieg.

Täter lügen, meinte Professor Freyberger. Auch das muss ich heute zumindest für meine Familie bestätigen. Ob es ums Westfernsehen ging, dass wir als Kinder nicht sehen durften, aber wussten, dass mein Vater dies tat, in dem er sich jeden Sonntagvormittag den Internationalen Frühschoppen reinzog oder ob es darum ging, dass er abends auf angeblichen Parteileitungssitzungen unterwegs war und meine Mutter ihm hinterherspionierte und herausfand, dass diese Sitzungen schon lange beendet waren. Misstrauen bei meiner Mutter, die glaubte, dass er ein Verhältnis hätte und tatsächlich vermutlich im Auftrag der Stasi unterwegs war.

Zusammenfassend möchte ich ebenfalls bestätigen, dass mir diese Gruppe unheimlich viel gibt, auch wenn ich oft eher zurückhaltend an den Diskussionen teilnehme. Aber auch diese starke Zurückhaltung ist bezeichnend für viele Kinder wie uns und so kann ich hier in dieser Gruppe, wo ich längst das Vertrauen gefunden habe, irgendwann durch das gemeinsame Reflektieren meine Identität wiederfinden, die mir vor vielen Jahren verlorengegangen ist.

Schuld und Scham ablegen können, Fragen stellen dürfen, ohne dafür zu Recht gewiesen zu werden und letztendlich nicht nur Denken, sondern auch meine Meinung äußern zu dürfen und Menschen um mich zu wissen, die mir zuhören wollen, all dies kann ich hier in unserer Selbsthilfegruppe lernen bzw. finden.

Mein Ziel ist es, in dieser Gruppe zu lernen, mein Leben anzunehmen, so wie es ist. Ich wünsche mir, dass ich mich mit meiner Vergangenheit als Überangepasste in der DDR und als Kind eines inoffiziellen Mitarbeiters des MfS, aussöhnen und mich von Schuld und Scham restlos freimachen kann. Ein Stück in diese Richtung hat mich dieses Märztreffen gebracht.


16.3.17 nach unserem Gruppentreffen